Aprilscherze – Heute Marketingmittel, 2005 noch unschuldige Fan-Verarsche

Fußballvereine & ihre Aprilscherze… ein Blick auf den Stand der Dinge. Und die Frage, welchen Sinn die Aktion des FC Bayern vor knapp 15 Jahren hatte.

Das Internet ist ein schrecklicher, schrecklicher Ort. Aber am schlimmsten ist es am Tag der Möchtegern-Lustigen, am 01. April. Für die Naiven, Unvorsichtigen und geradezu Leichtgläubigen ist es eine Achterbahnfahrt mit verblüffenden Schlagzeilen, Fallstricken in den sozialen Medien und lebhaften Gerüchten über den Tod von Prominenten – ein wilder Ritt zwischen von Firmen inszenierte Videos, die hauptsächlich der Vermarktung dienen und völlig übertriebenen Geschichten über teilweise extremst makabare Themen.

Vorhang auf für: Fußballvereine & ihre Social Media Abteilungen. Tatsächlich sind Sie wahrscheinlich die schlimmsten Straftäter, wenn es darum geht, den Tag der Aprilscherze für die Markenstrategie zu nutzen und eine lustige Volkstradition auf eine freudlose Marketingübung zu reduzieren.

Wenn der Aprilscherz nur dem Werbepartner dient

Wussten Sie, dass der neue Opel Astra über WiFi verfügt? Ich auch nicht. Der FC Liverpool veröffentlichte 2016 einen Aprilscherz der anderen Sorte. Man legte nicht die Social Media Nutzer rein, sondern fertige ein Video an, in dem die eigenen Spieler vorgeführt wurden.
Warum man sich dafür entschied und nicht für einen beliebigen Twitter Scherz-Post? Weil Opel (bzw. Vauxhall im britischen) viel Geld dafür zahlt, dass während des Videos sämtliche Buzzwords genannt werden & auf alles hingewiesen wird, was das Auto dem Käufer schmackhaft machen soll.

Der planbare Social Media Erfolg

Warum sich nicht jeder Verein die Mühe macht, solch ein aufwändiges Video zu drehen? Weil das ökonomische Prinzip auch für Social Media Abteilungen gilt. Und am 01. April ist es nun mal möglich, mit geringstem Aufwand jede Menge User-Interaktionen zu erhalten.

Wenn ich Social Media Abteilungen etwas verbieten könnte wäre das das Aprilscherz Posting. Ich bin es leid, wie man seine Nutzer und Fans dermaßen kalkuliert ausspielen kann.

Hört auf, Fußballvereine. Hört auf mit dem sicheren, Social Media freundlichen Aprilscherz-Geplänkel. Ohne großen Aufwand wird mit einem einzigen Post der lockere Lacher eingesackt, man kann fast vom Social Media Äquivalent zum Jumpscare in Horrorfilmen sprechen. Leichte Lacher mit Postings mit teils hahnebüchenen Handlungen ergeben Likes & Shares.

Hört auf mit diesen Möchtegern-lustigen Hashtags und dem fast schon unverzeihlich inflationärem Gebrauch von Emojis. Hört auf, die Freude der Fans und die Loyalität auf Social Media Plattformen in Facebook-ähnliche Dinge zu verwandeln und Interaktionen als sklaierbares Marketingmittel zu verwenden.

Ein Stock-Foto der Allianz Arena, der Praktikant färbt den Rasen rot und fertig ist das Social Media Posting.

Als der Aprilscherz noch „Wert“ hatte – und der FC Bayern es vielleicht zu weit trieb

Wir schreiben das Jahr 2005. Facebook ist zwar bereits seit einem Jahr auf der Welt, aber in Deutschland noch nicht angekommen. Twitter ist wohl gerade in der Entwicklungsphase und wird in einem Jahr das Licht der Social Media Welt entdecken. Und Diskussionen gab es hauptsächlich in verschiedensten Foren, ohne große Möglichkeiten wie heutzutage Nachrichten & Postings zu überprüfen.

Und da man nicht am 01. April wie heute beim Öffnen seines Social Media Feeds überschwemmt wird mit den unterschiedlichsten Aprilscherzen, konnte man den ein oder anderen auch wirklich noch überraschen, wenngleich auch damals schon der Großteil natürlich merkte dass Nachrichten am 01. APril zu 99% Unsinn sind.

Und dann kam der FC Bayern, in Kooperation mit dem DSF (heute Sport1). Und veröffentlichte einen extrem gut durchdachten Aprilscherz.

 Die Sensation bahnte sich am Freitagmittag in einer schwarzen Limousine ihren Weg an der Säbener Straße. Als sich die Türen des Wagens öffneten, kam schließlich ein Transfer-Coup ans Licht, der in der Bundesliga Seinesgleichen sucht: David Beckham wechselt zur kommenden Saison zum FC Bayern! (Sehen Sie hier die Ankunft Beckhams beim FCB im Video.)

Der englische Mittelfeldspieler stattete dem deutschen Rekordmeister einen Besuch ab, um letzte Details des Transfers zu klären. Bald wurde bekannt: Der 29-Jährige erhält in München einen Dreijahresvertrag (bis 2008) und wird die teuerste Neuverpflichtung in der Vereinsgeschichte des FCB.

Nachträglich noch mit einem „April, April“ versehen, wirkte der Aprilscherz des FC Bayern auf den ersten Blick wie die Verkündung eines wahrhaften Königstransfers. David Beckham soll von den Königlichen, wie Real Madrid gerne genannt wird, zum Rekordmeister wechseln und bereits vor Ort sein. Gepaart mit einem inszenierten Video inklusive David Beckham Double veröffentlicht man eine Pressemitteilung, die heutzutage eher undenkbar scheint.

Fans schalteten die Haupt-Informationsquelle der damaligen Zeit ein, das DSF. Und sahen Uli Hoeneß in einem eigens inszenierten Interview mit einem DSF-Journalisten, gefolgt vom Video des David Beckham Doubles.

Über archive.org ist der originale PR Text noch immer lesbar, wenn auch im neuen Design.

Dass eben nicht jeder dieses abgekartete Spiel zwischen dem FC Bayern München und dem DSF erkannte, zeigen im Nachhinein Blicke in verschiedenste Foren damaliger Zeit.

Ich konnts erst gar net glauben… aba ich finds klasse das er kommt, wird bestimmt ein hammer…!!! Schade find ich nur das er die Nummer 12 bekommt, die eigentlich für die Fans bestimmt war…, aba des verkraftn wir scho

&


scheisse war echt ein aprilscherz (auf der internetseite steht als überschrift inzwischen „April, April“ drüber)… die schweine habn mich voll reingelegt

Nutzer im parkrocker Forum, 01.04.2005
https://www.parkrocker.net/threads/beckham-wechselt-zum-fc-bayern.67838/

Heutzutage unvorstellbar, damals einfach ein Aprilscherz ohne große Marketingabsichten. Kein Sponsor, der irgendwie vorgestellt wird, keine Verweise auf irgendwelche neuen Trikots oder ähnliches. Warum genau der FC Bayern sich dachte, ausgerechnet diesen Scherz zu veröffentlichen, bleibt wohl ungeklärt. Aber in Sachen Aprilscherzen kann man meiner Meinung nach zumindest sagen: Früher war’s besser.

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