Damals im TV – Faszination Speedway

Es gibt keine Bremse und keine Hinterradfederung, nur einen Gang und keinen Leerlauf. Damit die Trockenkupplung nicht durchbrennt, werden die Motorräder beim Warten auf der Fußraste seitlich abgelegt. Die Technik ist wie vor vierzig Jahren, aber in den Fahrleistungen doch Formel-1-Niveau.

Auf den ersten Blick mutet ein Speedway-Motorrad seltsam an, geradezu archaisch. Ist es auch. Eine perfekt auf die Bedürfnisse angepasste Rennmaschine, ohne Schnickschnack oder ein Gramm zu viel daran. Gebremst wird allein über den Driftwinkel, nimmt ein Fahrer das Gas weg, bremst auch der hoch verdichtete Motor.

Wie die Kinder im Sandkasten

Die Fahrer stehen schon an der Startlinie. Der ungeübte Fan stellt sich an den Kurvenausgang, mit dem Hintergedanken eventuell einen Crash hautnah zu erleben. Und wird dabei schnell merken, warum die meisten Zuschauer Abstand von der Bande halten und schon gar nicht in den Kurven stehen.

Start. Die Motoren kreischen auf, die Motorräder schießen los. Heck querlegen und rein in die Kurve, genau auf eben jenen Neuling am Kurvenende zu. Dann sieht er nichts mehr. Das weiße T-Shirt nimmt rotbraune Färbung an, es knirscht zwischen den Zähnen, Brocken fliegen. Als sich die Wolke legt, sind die Rennfahrer schon in der nächsten Kurve.

Speedway ist ein Sport für Fanatiker, und es hilft, den Unfug als ehrlichen Wettkampf harter Jungs schätzen zu lernen. Die Teams heißen White Tigers, Devils oder Wikinger. Am rillendurchfurchten Startplatz liegen die Fahrer vorgebeugt auf ihren Motorrädern, damit sie nicht hinten runterfallen, wenn es los geht wie im Katapult. Die mit Methanol befeuerten Einzylinder-Viertakter mit 500 ccm Hubraum entwickeln um 75PS, die sich über 80 Kilogramm Motorrad hermachen.

In der Kurve stellen die Fahrer die Maschinen an und halten den Motor auf Drehzahl. Das Hinterrad dreht nun permanent durch, genau dosiert zwischen Sturz und Drang. Rad an Rad kämpfen die vier Fahrer, der hintere frisst den Staub, nur die Plätze eins bis drei bringen Punkte. Das ausgestellte linke Bein stützt das Motorrad ab, der Stahlschuh am Fuß fliegt über das Gemisch aus Sand und Split und Kalk, der ganze Körper vibriert unter der Fliehkraft und den Schlägen der Bahn. Ihre Maschinen peitschen sie mit mehr als 100km/h über die Geraden. Es wird immer links herum gefahren, vier Runden dauert ein Lauf, die schnellsten erreichen 80 km/h Durchschnitt. Ungefährlich ist das nicht, Verletzungen gehören leider dazu.

Das Hobby als Fulltime Job

Während sich MotoGP- oder Superbike-WM-Piloten auf Starts in ihrer Serie beschränken, und auch Motocross-GP-Piloten nur noch einige Rennen nebenher fahren, sind Speedway-Fahrer im Dauereinsatz. Sie verdienen ihren Lebensunterhalt in erster Linie mit Starts in mehreren europäischen Profiligen, in denen Team gegen Team gefahren wird. Die vier wichtigsten Ligen sind in Polen, Großbritannien, Schweden und Dänemark, es folgen Tschechien und Deutschland. Ein Fahrer kann in der Saison von März bis Oktober leicht auf über 100 Rennen kommen.

Bezahlfahrer wie in der Formel 1 oder im Straßenrennsport gibt es im Speedway nicht. Will es ein Pilot in den GP schaffen, muss er mit der Qualifikation ganz unten beginnen.

Nische statt Mainstream Übertragung

Seit 1995 gibt es auch in der Speedway-WM das Grand-Prix-System. In den ersten Jahren wurde der Grand Prix vom Motorrad-Weltverband FIM nicht-vermarktet, erst als Benfield Sports International (BSI) die Rechte für viele Jahre kaufte, wurde der Sport im Fernsehen auf ein professionelles Level gehoben. BSI ist Tochter von IMG, der größten Sportvermarktungs-Agentur weltweit.

2018 erstreckt sich der Speedway-GP über zehn Rennen in sieben Ländern. An ihm nehmen die 15 besten Fahrer der Welt teil, zudem bekommt für jedes Rennen ein lokaler 16. Fahrer eine Wildcard.

Die glorreichen Zeiten im deutschen Fernsehen sind allerdings schon lange eingestaubt.

Während der Speedway-GP in zahlreichen Ländern live im Fernsehen übertragen wird, teilweise mit großem Aufwand der nationalen Sender, gibt es für Deutschland derzeit keinen TV-Vertrag. Die Fans sind auf Webstreams oder ausländische Satellitenprogramme angewiesen. Da hilft oft nur eines: Rein ins Auto und zum nächsten Live Event fahren. Und wer dann nach den ersten Rennen noch nicht genug Spaß hat…
der stellt sich am besten an den Kurvenausgang.

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