Allez, Allez, Allez – Die Reise einer Fan-Hymne durch Europa

Wie wird aus einem Stück Europop aus den 1980er Jahren eine Anfield-Hymne des 21. Jahrhunderts?

In den Minuten eines Spiels, in denen sich jede Sekunde wie ein Jahr anfühlt und der Schlusspfiff einfach nicht erklingen will, singen die Fans von Liverpool, um die Nerven zu schonen.

Es sind Rituale, Ablenkung und Gebete zugleich: „You’ll Never Walk Alone“, die Hymne des Clubs, „The Fields of Anfield Road“ und schließlich „We Shall Not Be Moved“. Lieder, die jeder kennt und liebt. Lieder, die ein Lebensgefühl vermitteln. Wir gegen alle Anderen.

Und seit einem Jahr ertönt da plötzlich auch dieses neue Lied, welches mit voller Inbrust durch die Stadien Englands und Europas hallt. Ein Hit aus 1985, der das Ende des Sommers ersingt, im italienischen Original „L’Estate Sta Finendo“.

Ob die allgemeine Liverpooler Fangemeinde vom Ursprung ihres neuen Lieblingsliedes weiß, ist zu bezweifeln. In England singen sie ganz einfach „Allez Allez Allez“. Ein Song, der den jubelhaften Soundtrack zu Liverpools Reise nach Kiew geliefert hat, zum Treffen mit Real Madrid im Finale der Champions League.

Die Grundsatzfrage bleibt aber: Wie wird aus einem Stück Europop aus den 1980er Jahren eine Anfield-Hymne des 21. Jahrhunderts?

Es ist eine Geschichte über die Macht des Internets, über die Internationalisierung des Fan-Erlebnisses und darüber, wie ein melancholischer Song über den Schmerz des Erwachsenwerdens in drei Jahrzehnten durch die digitale Kultur des Fußballs ein neues Leben erhalten hat.

Die Reise des Liedes geht nämlich nicht einfach per Direktflug von Italien nach Liverpool. Sie war umständlich und erstreckte sich von L’Aquila, einer kleinen Stadt in den Abruzzen in Süditalien, über Turin und Neapel bis nach Portugal und Deutschland, bevor sie nach einem Jahr Verschnaufpause in Liverpool ankam.

Wie sich Fangesänge verbreiten wird eindrucksvoll von Copa90 im untenstehenden Video aufgezeigt-
„Dale Cavese“, ein Gesang einer kleinen italienischen Mannschaft – aus Argentinien übernommen, populär gemacht und schließlich von Ultras in Dutzenden von Ländern in das eigene Repertoire aufgenommen.

Was „L’Estate Sta Finendo“ jedoch von anderen Gesängen unterscheidet ist, dass seine Verbreitung und seine Transformation zum Stadionhit fast vollständig online erfolgte.

„Es geht um das Ende des Sommers, das Ende der Ferien, den Beginn der Schule, den Anfang des Jahres. Das ist eine Zeit, in der die Liebe zu Ende geht, in der du weißt, dass du die Menschen nie wieder sehen wirst. Es ist der Moment, in dem die Zeit vergeht.“ –
Johnson Righeira, Sänger des Ausgangsliedes von 1985.

1985 war das Lied ein Hit in Italien, erreichte dort die Spitze der Charts und gewann in Deutschland und der Schweiz an Bedeutung. Righeira schrieb aber schon damals Songs, die von Fußballfans angenommen wurden – „No Tengo Dinero“, der andere große Erfolg der Gruppe, wurde von den Roma als Ständchen für Toninho Cerezo, einen brasilianischen Mittelfeldspieler, aufgegriffen, als der Song zum ersten Mal veröffentlicht wurde.
Aber nichts deutete darauf hin, dass „L’Estate Sta Finendo“ zu einer der mitreißendsten Hymnen des Fußballs werden würde.

Bis Johnson Righeira im italienischen L’Aquila auftrat, einer Stadt, die 2009 von einem Erdbeben verwüstet wurde. „Danach“, sagte Righeira, „schickten mir ein paar Freunde ein Video, in dem die Fans von L’Aquila eine Version des Songs sangen.“ Die ersten Worte dieser neuen Version waren „un giorno all’improvviso“: Eines Tages, ganz plötzlich.

Von L’Aquila aus verbreitete sich der Song schnell in Italien: Genua hatte eine Version, ebenso wie Juventus, Righeiras Lieblingsteam in Italien.

Jede neue Gruppe änderte den Text zu Ihrem eigenen Vereinsgedanken, obwohl jede mit den gleichen drei Worten begann: „un giorno all’improvviso!“. Die Fans des SC Neapel zum Beispiel singen kurz vor dem Chor, dass sie die Stadt „verteidigen“ würden.

Nach knapp 30 Jahren nimmt das Lied plötzlich völlig neue Fahrt auf. Und die Verbreitung des Lieds in europäischen Stadien seinen Lauf. Teams auf allerhöchstem Niveau wie Atlético Madrid haben es übernommen, aber auch alterwührdige Vereine wie die Glasgow Rangers in Schottland.
Righeira hingegen verfolgt alles so gut er kann. Freunde schicken ihm immer noch Videos, die sie von neuen Ausgaben finden. „Ich habe gehört, dass es auch bei Basketball- und Hockeyspielen gesungen wurde“.

Und als im Februar 2016 der FC Porto im Champions League Auswärtsspiel in Dortmund antrat, ging ein Video der portugiesischen Ultragruppierung Super Dragons durch’s Netz.

Bühne frei für Jamie Webster, Hauptberuf Elektriker. Er spielt regelmäßig Sets an zwei Orten, die zu Eckpfeilern der Liverpooler Match-Day-Szene geworden sind: im Halfway House Pub bei Anfield und bei den BOSS Night Events, die von einem lokalen Musikmagazin geleitet werden.

Er war 2017 beim Auswärtsspiel des FC Liverpool in Porto mit dabei, als Gruppen von Liverpool-Fans anfingen, das Lied mit eigens angefertigtem Text auf den Tribünen zu singen. Zuhause angekommen ging er sofort online, fand den Song im Netz, entschlüsselte den Text und begann, ihn zu vertonen. Als er seiner Version einige Tage nach dem Porto-Spiel sein Debüt gab, war der erste Eindruck überwältigend.

„Es dauerte vier oder fünf Runden, und der ganze Pub war auf den Tischen“, sagte er. „Ich rede von Frauen in den 50ern an den Tischen, so was in der Art.“

Videos aus dieser für Ihn & den Verein zukunftsträchtigen Nacht wurden auf YouTube hochgeladen, auf Facebook und Twitter geteilt und hunderttausendfach angesehen. Webster wird nun von denen, die Ausschnitte aus seinen Shows gesehen haben, um ein Autogramm gebeten und ist fast schon selbst ein Teil der Liverpooler Berühmtheiten.

Aber es zeigt auch deutlich, welche Psychologie hinter Fangesängen steckt. Als Liverpool im Viertelfinale der Champions League den Ligarivalen Manchester City besiegte, sang es ganz Anfield. Vielleicht wäre bei einer Niederlage all das Geschichte gewesen. Vielleicht wäre es nur eines von vielen stimmigen Liedern geblieben, welches aber immer negativ in Erinnerung bleibt aufgrund des ausbleibenden Erfolgs.

Liverpool hat jedoch nicht verloren. Und so wird man das Lied immer wieder hören. Sei es in der Premier League oder der Champions League. Und Johnson Righeira wird wieder eine Reihe neuer Nachrichten von Freunden erwarten, die ihm Clips seines boomenden Songs schicken, gesungen von Fans einer englischen Fußballmannschaft, die ihn aus einem YouTube-Video mit portugiesischen Ultra-Gesängen bei einem Auswärtsspiel in Deutschland haben, welche ihn aus Neapel mitgenommen haben, welche ihn aus der kleinen Stadt L’Aquila haben.

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